Berlinale 3: „That Summer“

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Little Edie und Lee Radziwill-Bouvier. Exzentrik und Eleganz in den Hamptons. (©berlinale.de)

Meist entscheidet man sich aufgrund eines einzigen Schlagwortes für einen Dokumentarfilm. Meins war „Lee Radziwill“. Aus dem einfachen Grund dass mich der Kult um Jackie Kennedy irgendwie überfordert: schön kann ich sie nicht finden, und auch die legendäre Eleganz kann ich nur am Rand erkennen. Ein tragisches Leben – zweifelsohne, aber das haben viele gehabt. Aber gerade die Familiengeschichte tiefer zu ergründen und somit vielleicht das Mysterium Jacqueline Bouvier zu verstehen machte den Film für mich reizvoll.
Göran Hugo Olsson hat Archivmaterial aufgearbeitet, dass die Rückkehr von Jackies Schwester Lee zum Ort der Kindheit der Schwestern bei Tante „Big Edie“ Edith Ewing Bouvier und deren stilbewusste Tochter „Little Edie“ Edith Bouvier Beale auf Long Island dokumentiert. Die zwei Exzentrikerinnen leben auf einem Anwesen in Armut und umgeben von gefühlt hunderten von Katzen, und bringen mit ihrer heiter-schrägen Präsenz jede Filmrolle zum glühen. Ein Feuerwerk an Geschichte, Biographien, und ungefilterter Spontaneität, dass auch ohne Hintergrundwissen Unterhaltung vom feinsten bietet. Was Jackie angeht bin ich nicht viel schlauer, aber die ereignisreiche Historie des Bouvier Klans wird erleuchtet, und die der Auftieg und Fall der veramten High Society Mitglieder Edie und Edie berührt und erstaunt zugleich.

Und: Andy Warhol taucht auf. Könnte für den ein oder anderen auch das auschlaggebende Schlagwort sein.

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Berlinale 2: „Storkow Kalifornia / Rückenwind von vorn“

„Perspektive Deutsches Kino“ heißt die Berlinale Reihe die, wer würde es ahnen, dem deutschen Filmnachwuchs gewidmet ist.
Nun also die Eröffnung der Reihe mit zwei Filmen in einer Vorstellung.

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Brandenburgische Lichter hinter sehnsüchtigem Vordergrund. (©berlinale.de)

1. „Storkow Kalifornia“:
Studentische Filme haben ja oftmals den Anspruch küntlerisch hochwertvolles zu leisten (Clichee juchee). Dem Anspruch wird Kolja Malik in seinem Film durchaus gerecht, insbesondere, was die Ästhetik angeht. Viel Tiefenschärfe und verträumte Fimmerigkeit benutzt er da, die aber gut mit der Brutalität des Daseins seiner Protagonisten kontrastiert. Drogen sind bei Mutter und Sohn Alltag, und als letzterer zarte Bande mit Polizistin Liv knüpft, gerät das selbstzerstörerische Gleichgewicht aus dem Ruder. Spannung trifft auf Emotion trifft auf unglaubliche Schauspieler (Lana Cooper, Daniel Roth und die umwerfende Franziska Ponitz). Definitiv kein feel good Film, aber das im besten Sinne.

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Victoria Schulz wundert sich über ihr Leben. (©berlinale.de)

2. „Rückenwind von vorn“:
Den Sinn für Redewendungen hat Philip Eichholz auf jeden Fall, allein der Titel beschreibt das Gefühl der Generation X pointiert und humorvoll. Das seine Produktionsfirma von Oma gefördert heißt rundet das Bild ab. Nach dem ersten Film ist das Plenum sichtbar erleichtert, dass man uns doch etwas leichteres zum zweiten Gang serviert hat.
Die Story bleibt extrem klassich: Lehrerin Charlie möchte (noch) keine Kinder, traut sich aber nicht Freund Marco einzuweihen. Pille muss versteckt werden, wird gefunden, Trennung, bester Freund gesteht Liebe, nebenbei wird die geliebte Oma auf einen Roadtrip entführt. Lauter kleine Handlungsstränge entstehen, die man irgendwie erwartet, an dieser Stelle jedoch nicht enthüllen möchte. Schöne Musik (ein Hoch auf Dota und ihr Fahrrad), viele Theatergrößen (yay Aleksander Radenkovic und Daniel Zillmann) und ans Herz wachsende Charaktere. Eher konventionell aber funktionierend. Und man geht nicht verändert aber doch ganz glücklich raus. Aber ganz so konventionell sollte die Perspektive auf das deutsche Kino dann bitte doch nicht ausfallen.

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Es passierte in der U-Bahn. Immer wieder gerne als Statist in Berlin Filmen angewendet: der BVG-Gelbe Wagen. Nebst Victoria Schulz und Daniel Zillmann. (©berlinale.de).

Berlinale 1: „Interchange“

Nun ist die Sektion „Forum“ nicht gerade für ihre einfache Konsumierbarkeit bekannt. Aber auch unter dem Aspekt war diese kanadische Produktion schwer zu schlucken. Irgendwann gewöhnte sich die mentale Speiseröhre an die Entschleunigung und man konnte es akzeptieren, die unendlichen Einstellungen rund um eine Kreuzung in Montréal als meditativ einzustrufen. Das aber braucht Zeit, die ein Großteil des Publikums nicht gewillt ist dem Film zu lassen.

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Der Herr und die Telefonzelle. Schaut man nur lange genug hin entwickelt der Kopf tausende Geschichten. (©berlinale.de)

Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky lassen 62 ausgedehnte Minuten lang die Landschaft für sich sprechen. Passanten werden gefilmt, die stumm in die Ferne blicken. Sie haben nicht gecastet, heisst es im Nachgespräch, sondern sich vom Moment treiben lassen und nach Gefühl Menschen angesprochen. Und tatsächlich wird dem Zuschauer wieder klar, dass das Interessante überall lauert, und dass selbst eine verlassenen Telefonzelle eine Geschichte erzählt, wenn man nur lange genug hinsieht (dass besagte Geschichte der eigenen Imagination entsprungen ist, mindert nicht den Wert: Fantasieanregung nennt man das). Die vielen leeren Sitze des Kinosaals zeugen jedoch von der Ungeduld des Geistes, die diese Entwicklung nicht zulässt.

 

Festivals, Festivals, Festivals…

Wer kennt sie nicht: die Überforderung bei -angebot. Berlin bietet wie immer viel zuviele Möglichkeiten, die nur danach schreien, wahrgenommen zu werden. Das führt dann auch schonmal zu längeren Pausen bei diversen Vorhaben. So auch hier. Es gab die Berlinale, das FIND, das Theatertreffen… Und das alles will an dieser Stelle nachgeholt werden. Statt Besserung zu geloben möchte ich mich nun einfach ins Getümmel stürzen und die Nachschau beginnen lassen.

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TKK Auerhaus am Deutschen Theater

Christoph Franken. Die pure Wucht. So viel Ausdruck bei so wenig Mimik. Er ist Frieder, selbstmordgefährdeter Schüler, dessen Klassenkamerad Höppner (Marcel Kohler) ihn aus Angst vor einem neuen Versuch unter seine Fittiche nimmt. Sie alle ziehen in das „Auer(our)haus“, wo sich eine Art Kommune der verkrachten Teenager-existenzen entwickelt.

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Party im irren Auerhaus. (© Deutsches Theater Berlin)

Regisseurin Nora Schlocker inszeniert mit viel Liebe zum Detail und wundervollen Kleinsteinfällen den Roman von Bov Berg. Der Grundzustand des Verlorenheit zwischen Kindheit und Erwachsenensein potenziert sich in der Zweckgemeinschaft um ein Mehrfaches, und führt zu einem Ausbrechen verschiedenster Emotionen. Als Gast auf der Silvesterparty der wilden Sechs erlebt man am eigenen Leib, wie Nahe die Zustände  beieinander liegen. Auf die Euphorie folgt die Erkenntnis, dass man sich doch irgendwie in die Gesellschaft einfügen muss. Dass es nicht immer reicht, sich zu kümmern. Und dabei zeichnet sich langsam ein treffendes Bild der Depression, die zur Teenage Angst dazukommt.

Die „jungen“ des DTs erfüllen wunderbar dieses Verlorensein mit Leben. Allen voran Maike Knirsch als Neustzugang. Ein schöner Abend der leisen Töne, bei aller Lautstärke.

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Schmidt, Knirsch, Franken, Kohler, Kocevski im kargen Auerhaus. ( (© Deutsches Theater Berlin)

DKK in der TKK „Der Kaukasiche Kreidekreis“ am Berliner Ensemble

Hab ich darauf hingefiebert: fast ein Jahr. Das erste Mal am „neuen“ Berliner Ensemble. Dann auch noch Thalheimer. Dann auch noch mit Stefanie Reinsperger. Und dann schließlich auch noch Brecht. Mit dem Stück hatte er 1954 das Theater am Schiffbauerdamm übernommen, Oliver Reese tut es ihm gleich.

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Reinsperger, Martens, Nest und das Blut. (©Berliner Ensemble)

Dieses Mal also eine leere Bühne und ein Mensch an der E-Gitarre. Und dann geht es los. Man bekommt, was man erwartet: großartiges Schauspielertheater. Herzzerrissen schaut man der Hauptdarstellerin dabei zu, wie sie sich als Magd Grusche aufopfert für das kleine Bündel. Wie sie alles verliert, aufgibt und wie das rettende Ende naht. Das ganze begleitet von einem Ingo Hülsmann mit verachtendem Mitgefühl. Viel Vertrauen in die ebenso einfache wie einschlagende Sprache Brechts.

Es ist kein Kreide- sonder ein Blutkreis. Wahrscheinlich erschaffen aus dem Herzblut, das die Schauspieler vergiessen, und das Regisseur Thalheimer uns Zuschauer als Opfergabe überlässt. Ein wundervoll ergreifender Abend, der nicht zu den stärksten des Regisseurs gehört, aber es wie immer schafft einen in den Bann zu ziehen.

„Ich bin nämlich eigentlich ganz anders – ich komme nur so selten dazu“ Zeppelin an der Schaubühne

Das ist natürlich ein großer Coup, den die Schaubühne sich da geleistet hat. Die „feindliche Übernahme“ der Volksbühne war geschehen, und neben der wenig sachlichen Debatte, die Theaterberlin in den vergangenen Monaten bewegt hat, war die Hauptfrage: was passiert eigentlich mit den tragenden Regiesäulen des Hauses am Rosa Luxemburg Platz?

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Der Verspielte: Herbert Fritsch. (©tagespiegel.de)

Eine stützt nun den Mendelsohnbau am anderen Ende der Stadt.
Herbert Fritsch hat dazu auch noch gleich einige seiner Stammschauspieler ins dortige Ensemble integriert, namentlich Florian Angerer, Werner Eng, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, und Axel Wandtke. Ein großes Zugeständnis, das Bände spricht in Bezug auf den Fristsch’en Marktwert (auch wenn seine bisherigen Stücke bei mir keinerlei Einzelperson-Gedächtnis hinterließen: Ensemblearbeit im wahrsten Sinne).

 

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Tonnenschwerer Spielplatz: der Zeppelin. (©Thomas Aurin)

Auch das beeindruckende Bühnenbild, ein ca 10 Meter hohes, metallenes, Zeppelingerüst haben zu passenderweise schwindelerregenden Erwartungen geführt. Nun ja.
Wer Fritsch mag, wird nicht enttäuscht. Wer ihn nicht kennt wird sicher nicht zum Jünger werden. Es hat den üblichen Witz, viel Slapstick, schöne Sprachfetzen aus den Fundus Horvath’s. Die Schauspieler (und auch die „alten“ Hasen des Hauses am Lehniner Platz aka Jule Böwe und Alina Stiegler fügen sich prima in das Universum Fritschs ein) beeindrucken durch ihre Vielfältigkeit: mal Athleten, mal Sänger, mal Clowns. Das ist schön, aber vermag auch nicht über eine Dauer von 1h45 zu unterhalten.
Im Nachgespräch verriet Fritsch, dass er nie eine Intention verfolge oder eine „Message“ vermitteln wolle. Es gehe um die schiere Lust am Spiel und am Übertreiben der Mimik (weshalb Film mit seinem Glaubwürdigkeitsvorsatz nie das Medium des Schauspielers Herbert Fritsch gewesen sei). Das könnte erfrischend sein, allerdings sollte man dennoch darauf achten dann einen Abend zu schaffen, der sich selber reicht. Nicht geschehen.

Fazit: solide Arbeit. Aber eben nicht mehr als das.

 

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Das Ensemble – Frisch Family und Neulinge. (©Thomas Aurin)

(und wer Gossip möchte: ja, es wurde gefragt, wieso Fritsch seine Stücke nicht im Repertoire der Volksbühne belassen hat. Er habe seinen Schauspielern die Entscheidung überlassen, mit bekanntem Ende. Allerdings wurde auch auf das sehr missglückte Treffen mit Herrn Dercon eingegangen. Es fielen die Worte „unverschämt“ und „rausgeschmissen“. Allerdings wurde auch von Vertragsangebot gesprochen. Nun ja. Die Mitarbeit mit den Menschen der Schaubühne wurde außerdem mit solcher Dankbarkeit beschrieben, dass man nicht umhin kommt, sich zu fragen, wie wohl der Umgangston und die Arbeitsbedingungen am vorigen Arbeitsplatz gewesen sein müssen. Aber das ist ja eine andere Geschichte).